Hoffnungsloses Real
Diffamierungen sind heute leichter denn je. Es reicht ein simples Wort, um den Gegner in eine aussichtslose Situation zu bringen. Doch derzeit geschieht das eher inflationär, weshalb Real Madrid und Jose Mourinho auch nur milde belächelt werden.
Was haben wir gelacht, gezittert, mitgefiebert, angesichts der Szenen ungläubig weggeblickt. Was sich Real Madrid und der Barcelona FC da lieferten, war Slapstick pur – einerseits -, andererseits eine schlechte Etikette für den Fußball. Hier wurde die Vergangenheit gelebt, wurden Rivalitäten in den Vordergrund gerückt und der Fußball verdeckt. Um diese Tatsache zu unterstreichen, gingen beide petzen zur UEFA, die wiederum beide gähnend wegwies.Was blieb, sind die Untersuchungen zur Causa Mourinho, der eine Verschwörung der UNICEF, der UEFA und der Katalanen sieht – eine schlechte Taktik seinerseits (übersieht).
Mourinho: Eine Reihe von Provokationen
Immerhin gibt es einen Lichtblick, eine Insel der Vernunft in der Farce: Barcelona-Präsident Sandro Rosell bittet seine Fans um “gutes Benehmen und Menschenverstand”. Mourinho und Real Madrid hingegen stoßen weiterhin ins Horn, holten nach dem Hinspiel zum Generalangriff des Psychospielchens aus, mit dem sie den Kampfgeist der letzten erfolgreichen Generation aus dem Jahre 2002 beschwören wollen. Dass nun ausgerechnet der belgische Schiedsrichter De Bleeckere die Partie leiten wird, kann an sich schon als Provokation gedeutet werden, stellte er letzte Saison immerhin Thiago Motta nach nicht einmal einer Stunde vom Platz. Und: Ich traue Jose Mourinho zu, dass er wieder versuchen wird, einen Ausschluss zu erwirken, um danach von den schlechten Leistungen seiner Truppe und von sich selbst abzulenken. Ja, ich traue es ihm wirklich zu.
Wirklich faszinierend sind dann aber doch folgende Tatsachen:
- Ottmar Hitzfeld bezeichnete Mourinhos Taktik als “eine Schande”. Er muss ja reden, weil seine Teams ja immer schönen, gepflegten Offensiv-Fußball zeigen. *ironie*
- Real Madrid und ihr Defensivmann Marcelo bezichtigen Barcelona – bzw. konkret Busquets – rassistischer Aussagen. Das ist irgendwie politische Old School. (dazu ein interessanter Artikel auf ESPN)
- Lionel Messi schoss zwei Tore gegen Real Madrid im Champions-League-Hinspiel. Seine Klasse sollte sich in Spanien, und im Speziellen in Madrid herumgesprochen haben. Vor allem nachdem Mourinho im vorigen Jahr den kleinen Argentinier sehr gut isolieren konnte.
- Jose Mourinho hat eine Innenraumsperre: Kabinenverbot, Trainerbankverbot. Er sitzt auf den Rängen. (Und ja, ich glaube auch, dass das geplant war, weil von oben die taktische Konzeption besser sichtbar ist, als auf Augenhöhe. Kontakt zur Trainerbank schaffen sie allemal.)
- Eric Abidal kehrt nach seiner Krebs-Erkrankung vielleicht zurück. Wird letzten Endes wohl von der Brisanz abhängen. Darüber freue ich mich persönlich.
Inmitten dieses ganzen Rummels bleibt Pep Guardiola seltsam ruhig. Er ruft den Barcelona-Geist, die Sieger-Mentalität und meinte kurz, diese sei Jose Mourinho abhanden gekommen, vor allem benehme er sich nicht wie ein Gentleman der Barca-Schule es müsse. Abgeschrieben habe er Real Madrid auch noch nicht, denn er erwarte ein brutales Spiel voller Kampf und Emotionen, in dem alles passieren kann (die ganze Pressekonferenz).
Preview
Angesichts der 0:2-Hinspiel-Schlappe muss Real Madrid offensiver und tororientierter agieren. Ob sie es vom System her machen werden? Ich glaube nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass das System vom Spielmaterial her offensiver sein wird – das Netzwerk womöglich auch höher steht. Zudem wird Cristiano Ronaldo mit der Wut im Bauch auflaufen, nachdem er eine Nachdenkphase auf der Tribüne erhielt. Zusätzlich plane ich die Möglichkeit ein, dass Mourinho wieder viel ohne Ball trainieren ließ, wie letzte Saison bei Inter Mailand, um die Spieler darauf vorzubereiten, dass sie über neunzig Minuten den Ball eher selten am Fuß haben. Die Spieler für schnelle Konter auch gegen gewappnete Barca-Reihen stehen ihm zur Verfügung. Es wird der Christbaum oder ein 4-3-3 am Papier. Dem gegenüber wird Guardiola wenige Überraschungen aufbieten. Ball halten und abwarten. Irgendwann kommt schon das schmale Gässchen der Glückseligkeit.
Uns erwartet also ein Spiel voller Tragödie, Spannung, Drama und Kampf – oder die Langeweile schlechthin, weil keiner patzen will.